Im Interview
"Ich habe große Affinität zur Weitergabe von Wissen."
Verena Auffermann hat den Kunstpreis des Kuratoriums der Kunststoff-Industrie ins Leben gerufen. Die bekannte Literaturkritikerin erläutert im Gespräch die Hintergründe.
Frau Auffermann, wie kam es zum Kunstpreis der Kunststoff-Industrie?
Als mich Hilmar Hoffmann, der damalige Vorsitzende des Kuratoriums, bat, beim Kuratorium der Kunststoff-Industrie mitzuwirken, fragte ich mich, was kann ich da – als Industriefremde - Sinnvolles beitragen? Da kam mir die Idee, einen Kunstpreis zu etablieren. Aber wie sollte er aussehen, wie sich von den anderen Preisen unterscheiden? Viele Jahre hatte ich den Künstler Thomas Bayrle beobachtet, der in Frankfurt an der Städelschule Professor war. Bayrle war ein außerordentlich engagierter Lehrer mit sehr vielen Schülern und großen Ambitionen, anderen etwas beizubringen. Dabei hat er in gewisser Weise uneigennützig und ohne Künstlerattitüde sein eigenes Werk aus Zeitgründen hintanstellen müssen. Und da habe ich mir überlegt, dass es doch gut sei, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und Künstler, die sich für den Nachwuchs engagiert und selbst herausragende Arbeiten hervorgebracht haben, mit einem Preis zu ehren. Ich wollte keinen dieser vielen und auch wichtigen Nachwuchspreise, sondern andersherum, einen Preis für Personen, die sich um den Nachwuchs bemühen und dabei ihr eigene Werk vielleicht nicht ganz so in das Blickfeld rücken konnten. Unsere erste Ausstellung war dann auch im Frankfurter Städel Thomas Bayrle gewidmet. Das war einfach fantastisch. Und auf wunderbare Weise war diese Ausstellung der Beginn für Bayrles richtig große Karriere. Er war zwar bekannt, sogar unter anderem in Japan, aber „unsere“ Ausstellung gab noch den entscheidenden Schub. Nun geht es ihm blendend und er hat Ausstellungen in der ganzen Welt.
Das Preisgeld – 50.000 Euro – bekommt also nicht der Künstler, sondern ein Museum. Warum?
Der Künstler würde das Geld in die Tasche stecken und sich freuen, was auch schön wäre. Wir aber wollen eine Ausstellung ermöglichen - denn es gibt ja für einen Künstler nichts Wichtigeres, als sein Werk zu zeigen, und, wenn alles gut geht, auch einen Katalog zu haben. Deshalb hatten wir die Idee, diese 50.000 Euro alle zwei Jahre als Summe einem Haus zu geben, so dass eigentlich vorrangig das Haus ausgezeichnet wird.
Wer sucht das Haus und den Künstler aus?
Das Haus wird von einer fünfköpfigen Jury ausgesucht. Anschließend beraten wir gemeinsam mit der Leitung des Hauses, wer der Künstler sein könnte. Denn das geht selbstverständlich nur gemeinsam mit den Museumsleuten, die ja die Ausstellung vertreten müssen. Im gemeinsamen Gespräch finden wir erst mal den Ort und schließlich gemeinsam mit dem Museumsleiter, den Künstler.
Ist die Lehrtätigkeit bei der Auswahl des Künstlers das entscheidende Kriterium?
Nicht zwingend. Wir wollen und können uns nicht für alle Zeiten daran binden, auch weil die Ressourcen beschränkt sind. Sagen wir es so: es wird gewünscht, es wird angestrebt, aber es ist möglich, Ausnahmen zu machen. Die Idee ist schon, dass man Künstler findet, die etwas für den Nachwuchs getan haben, gute Lehrer waren. Ich habe eine große Affinität zum Weitergeben von Wissen.
Ein solcher Kunstpreis scheint einmalig in der Landschaft zu sein.
Kunstpreise gibt es natürlich viele, vor allem Preise für Nachwuchskünstler oder das außergewöhnlich erfolgreiche Lebenswerk. Die Idee zu unserem Kunstpreis hat sich allmählich entwickelt und schließt nun offensichtlich eine Lücke, indem sie das Augenmerk auf diese Künstlerpersönlichkeiten richtet, die oft ein großes Werk haben und eben ein bisschen im Schatten der Stars stehen. Ihre Schüler sind wie zum Beispiel bei Fritz Schwegler, für dessen große Ausstellung in der Düsseldorfer Kunsthalle wir 2004 auch gesorgt haben, echte Weltstars. Dahinter ist dann der Lehrer, obwohl er auch einen großen Namen hat, in den Hintergrund getreten. Die Ausstellung zu Fritz Schwegler war geradezu sensationell, weil viele Schüler kamen und sich freuten, dass ihr großer und beliebter und geliebter Lehrer so eine schöne, umfassende Präsentation hatte. Ja, das ist, glaube ich, einzigartig. Und das Schöne ist natürlich, wie die Erfolge der letzten Jahre zeigen, dass es für den Einzelnen eine große Chance darstellt. Das hat bei Thomas Bayrle 2002, Fritz Schwegler 2004 und Martin Honert 2007 ganz hervorragend funktioniert, besser, als ich mir das erträumt hätte.
Für den Kunstpreis 2008 hat die Jury das Weserburg Museum in Bremen ausgewählt.
In Bremen engagiert sich als Direktor ein jüngerer Mann, Carsten Ahrens, dessen Arbeit in Hannover ich viele Jahre beobachtet habe und den wir gerne unterstützen wollen. Gemeinsam mit Herrn Ahrens haben wir dann den Künstler gesucht und ihn mit Herrn Guiton gefunden. Guiton ist Franzose, der seit über zehn Jahren in Bremen lehrt und von der Video-Kunst kommt, ja einer der Mitbegründer der Video-Kunst überhaupt ist und bislang noch nicht wenige Ausstellungen hatte. Video-Kunst ist ein Teil der neueren Kultur. Deshalb finde ich es auch gut und richtig, dass wir diesem Medium beim nächsten Mal eine Ausstellung widmen. Nun sind wir sehr gespannt, wie das wird.I
Was interessiert Sie an der Aufgabe im Kuratorium?
In erster Linie ist es ein gesellschaftliches Interesse, so wie mein Interesse an der Kulturpolitik ja auch ein gesellschaftliches Interesse ist. Bei der Tagung in Hamburg im Dezember 2007 hatten wir eine Gruppe begabter Schüler zum Thema Energiepolitik eingeladen. Dabei ging es um Fragen, die junge Leute wirklich brennend interessieren. Mich hat diese Begegnung fasziniert, weil die Abiturienten klug, informiert, aufmerksam und rhetorisch geschliffen nachgefragt haben. Solche Formen der Wissensvermittlung vor allem an junge Leute sind meiner Auffassung nach sehr sehr wichtige und sinnvolle Aufgaben.
