Im Interview
"Ohne Kunststoff geht nichts mehr im Kanusport"
Ein Gespräch mit Olaf Heukrodt, Mitglied im Präsidialausschuss des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und Präsident des Deutschen Kanuverbandes (DKV), Duisburg über die Beteiligung der Kanusportler an der Olympiade in China und die Bedeutung des Kunststoffs im Kanusport.
Herr Heukrodt, fünfmal haben Sie in Ihrer Karriere als Kanusportler eine olympische Medaille errungen. Welche hat Ihnen am meisten bedeutet?
Die wichtigste und die bedeutendste war sicherlich die Goldmedaille im Einer-Kanadier bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul. Daneben war für mich sehr, sehr wichtig, dass ich 1987 in Duisburg erstmalig zwei Strecken im Einer gefahren und dann Doppelweltmeister geworden bin. Das schafft nicht jeder.
Das war noch vor der Wende. Wie ging es nach der Wende weiter für Sie ?
Eigentlich hatte ich nach den Olympischen Spielen 1988 in Seoul mit dem Sport aufgehört. Aber selbst das Abtraining, das Leistungssportler nach ihrer aktiven Zeit betreiben müssen, reichte immer noch dazu aus, 1989 und 1990 mit zur Weltmeisterschaft zu fahren und Mannschaftsboote zu besetzen. Allerdings musste ich bedingt durch die Wendezeit meine Berufspläne ändern. Ich hatte in Leipzig nebenbei Sport studiert, um Trainer zu werden, ein Studiengang, den es heute so nicht mehr gibt. Damals war der Markt voller Trainer, heute fehlen sie uns wieder. Ich aber musste damals aus Perspektivlosigkeit noch einmal völlig neu anfangen. Mit 30 Jahren noch zur Olympiade 1992 mitgefahren, musste ich anschließend noch einmal die Schulbank drücken und wurde schließlich Bankkaufmann. Das war hart, zumal wir „Ossis“ von dieser Art Bankgeschäfte damals noch wenig Ahnung hatten. Doch erschien mir das perspektivisch richtig, denn Geld gibt es immer. Und es hat mir auch sehr viel für meine späteren ehrenamtlichen Tätigkeiten im NOK, DOSB und in der Stiftung Deutsche Sporthilfe gebracht. Über Sport weiß man nach so vielen Jahren als Aktiver Bescheid. Mit dem Einblick in die wirtschaftlichen Zusammenhänge entstand eine hilfreiche Kombination.
Nun begleiten Sie als Sportfunktionär das deutsche Kanuteam nach Peking zu den Olympischen Spielen 2008. Wie viele Sportlerinnen und Sportler nehmen Sie mit?
Wir haben zwei Bereiche, den Slalombereich – das sind die Sportler, die auf wildem Wasser Torstangen umschiffen - und den Rennsport- oder Flachwasserbereich, wie wir auch sagen. Im Rennsportbereich nehmen wir voraussichtlich 13 Männer und vier Frauen mit. Im Slalombereich können wir aufgrund veränderter Wettkampfbestimmungen gerade noch mit fünf Mann fahren. Die Auswahl erfolgt nach festen so genannten Nominierungskriterien, die von den Sportlern eingehalten werden müssen. Die Reise nach China ist ein ziemlicher Kraftakt, da jeder Sportler sein eigenes Boot mitnehmen will, dazu kommen noch die Wettkampf- und die Mannschaftsboote. Einen Bootsbauer nehmen wir selbstverständlich auch mit.
Können Sie sich erinnern, wann Sie zuletzt in einem Kanadier aus Holz ein Rennen gefahren sind?
Das kann ich Ihnen genau sagen, das war 1983. Da gab es zwar schon Kunststoffboote – vor allem im Kajakbereich. Doch habe ich den Kunststoff-Kanadiern in Sachen Festigkeit noch nicht vertraut, da unsere Boote im Gegensatz zu den Kajaks oben völlig offen sind. Aber bereits 1984 sind auch im Kanadier-Bereich alle mit Plaste-Booten gefahren. Danach gab es eine rasante Entwicklung. Wenn ich mir jetzt die Entwicklung von damals bis hin zu den Booten, die wir heute fahren, betrachte, dann liegen da Welten dazwischen.
Welchen Anteil hat aus Ihrer Sicht die Entwicklung des Materials auf den sportlichen Erfolg?
Grundvoraussetzung, um schnell zu fahren, ist selbstverständlich der Fahrer mit seinen körperlichen Voraussetzungen. Den Anteil des Materials kann man sehr schwer ermessen, aber wenn ich die Zeiten betrachte, wie sie sich bei gleichem Kraftvermögen der Athleten verändert haben, sind sie in einigen Bereichen schon um 10 Prozent besser geworden. Aber in anderen Bereichen ist beim Material immer noch Nachholbedarf. Da entwickelt sich stets und ständig etwas.
Wer arbeitet an der Verbesserung des Materials?
Die Forschungs- und Entwicklungsstelle in Berlin macht das. Diese wird zu hundert Prozent vom Bund finanziert. Dort beschäftigt man sich permanent mit Material und Form der Boote. Zum einen geht es darum, so ein 5,20 langes Boot immer schmaler zu machen, wobei Stabilität und Steifigkeit erhalten bleiben müssen, was sich heutzutage nur durch Kohlefasereinsatz erreichen lässt. Vor allen Dingen muss das Boot aber an den Sportler angepasst werden. Zum andern geht es bei der Materialentwicklung um die Gleitfähigkeit. Im Flugzeugbau gab es mal eine Fischfolie, die Reibung vermindert hat. Die wurde bei uns auch eine Zeitlang eingesetzt, wurde aber schließlich verboten. Sowohl im Materialbereich als auch im Formenbereich wird international immer noch viel experimentiert. Das kann man heutzutage natürlich mit Kunststoff wesentlich besser machen als damals mit Holz. Ohne Kunststoff läuft hier gar nichts mehr.
Wie stellt sich der Deutsche Kanuverband zur Diskussion um die Achtung der Menschenrechte in China?
Natürlich gab es auch in unserem Verband eine Diskussion, die schließlich zu einer Presseerklärung geführt hat, die dann nicht überall positiv aufgenommen wurde. Wir sind aber klipp und klar der Meinung, dass die Sportler trainieren, um dort sportliche Leistungen zu bringen. Probleme politischer Natur können nicht von Sportlern gelöst werden, das müssen schon andere tun. Dass wir dennoch unsere Meinung sagen, steht außer Frage. Jedem Sportler steht selbstverständlich offen, seine Meinung jederzeit kundzutun, er ist aber während der Olympiade auch an gewisse Vorschriften des Olympischen Komitees gebunden. Das IOC schreibt nun einmal Regularien vor, zum Beispiel, dass eben bei den Wettkämpfen, bzw. an Sportstätten, zu denen man nur durch seine Akkreditierung Zutritt bekommt, nicht für oder gegen irgendetwas demonstriert werden darf. Aber ansonsten haben die Sportler natürlich für ihre Meinungsäußerung freies Feld. Der Sport kann sicherlich auf Probleme aufmerksam machen, was ja auch schon geschehen ist, aber lösen kann er sie nicht, schon gar nicht mit einem Verzicht. Das haben wir zweimal durch, das funktioniert nicht.
Sie haben das selbst erlebt – bei den Olympischen Spielen in Moskau.
Ja und es ist nicht ein Russe aus Afghanistan herausgegangen, nur weil die Olympiade boykottiert wurde. Das hat niemanden interessiert.
Was liegt Ihnen heute bei Ihrer Funktionärstätigkeit am meisten am Herzen?
Für mich ist es sehr, sehr wichtig, Sportler zu unterstützen und zu fördern, sofern sie es brauchen. Unter dem enormen Pensum an Trainig und Aufwand, den unsere Sportler leisten müssen, um an der Weltspitze zu stehen, müssen Beruf und Studium häufig leiden. Das war bei mir damals nicht anders. Hätte ich nicht die Stiftung Deutsche Sporthilfe gehabt, die mich auch bei meiner beruflichen Umorientierung unterstützt hat, wäre es für mich sehr, sehr schwer geworden. Die Stiftung Deutsche Sporthilfe unterstützt nach wie vor jährlich rund 3.000 Athleten mit insgesamt rund zehn Millionen Euro. Dort sitze ich im Gutachterausschuss und bestimme über die Vergabe mit. Das empfinde ich als eine sehr schöne Aufgabe, vor allem, wenn ich dann die Sportler wieder im Fernsehen sehe oder über sie in der Zeitung lese, welche Erfolge sie erzielen. Dazu habe ich dann vielleicht einen kleinen Beitrag geleistet.
Wo sehen Sie die Verbindung zu Ihrer Tätigkeit im Kuratorium der Kunststoffindustrie?
Zunächst einmal entstand die Verbindung durch das Sponsoring, das die Kunststoffindustrie bereits seit Jahren leistet. Dafür ist der DKV sehr dankbar, zumal unsere Sportart nun einmal nicht so sehr im Rampenlicht steht wie andere. Aber wir bringen hervorragende Leistungen - genauso wie die Kunststoffindustrie, die aus meiner Sicht eine Branche ist, die ebenfalls außerordentliche Leistungen aufzuweisen hat - da passen wir zusammen. Das Prinzip des Kuratoriums ist, von außerhalb Einschätzungen zu Entwicklungen in der Kunststoffindustrie zu bekommen. Und da ist gerade der Sport neben der Kultur, die natürlich auch vertreten ist, ein schöner einzelner Aspekt, der sicherlich auch die Arbeit des Kuratoriums beleben kann. So kann ich vielleicht mit meiner Mitarbeit im Kuratorium etwas zurückgeben für das beispielhafte Engagement der Kunststoffindustrie, das unbedingte Voraussetzung dafür ist, dass wir auch weiterhin so hervorragende Leistungen bringen und Weltmeistertitel holen können.
Wie stellt sich die Situation der Kanusportler heute dar?
Beruf und Sport unter einen Hut zu kriegen, wird für sie immer schwieriger. Sportler arbeiten ganz normal zum Beispiel im Autohaus, das nicht gerade begeistert ist, wenn die Sportler sagen, ich bin jetzt drei Wochen in Australien zum Wärmetrainingslager. Die stellen sie häufig für das Training nicht frei. Die Sportler müssen aber gerade in unserem Bereich, da wir nun keine Vollprofis sind, mit ihrem Beruf ihr Geld verdienen. Wenn man da nicht einen Partner hat, der sagt: Ich finde das ganz toll, was du machst, ich unterstütze dich und stell dich fürs Training frei, wird es ganz schwierig. Auf der anderen Seite möchte ich keinen Sportler aus der sportlichen Laufbahn in die Arbeitslosigkeit entlassen. Die sollen nahtlos ins Berufsleben übergehen können. Insofern ist es zwar immer gut, wenn man vom Sponsor Geld bekommt, doch kann ich mir auch sehr gut eine andere Art des Sponsorings vorstellen. Wenn ein Großkonzern käme und sagte: Geld haben wir nicht, aber wir können Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen, vielleicht sogar mit einer Garantie für eine anschließende Übernahme, und wir garantieren auch, dass die Sportler Zeit zum Training bekommen, würde uns das manchmal wesentlich mehr helfen. Wir verlieren zu viele Sportler, die sich für ihren Beruf entscheiden und das Training aufgeben müssen. Hier kann ein wichtiges Potenzial geschöpft werden.

