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Im Interview


„Emanzipation braucht Bildung“

Hubertus Schmoldt ist seit 1967 hauptamtlich für Gewerkschaften tätig, zunächst für die damalige IG Chemie. Von1997 bis 2009 war er Vorsitzender der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), einer Fusion der zuvor einzeln auftretenden IG Papier-Chemie-Keramik, IG Bergbau und Energie und der Gewerkschaft Leder.

Herr Schmoldt, seit 40 Jahre sind Sie nun schon hauptamtlich gewerkschaftlich aktiv. Inwiefern hat sich in diesem Zeitraum die Rolle der Gewerkschaften verändert?

Vor 40 Jahren haben sich die Gewerkschaften vor allem um die Erhöhung der Einkommen und um die Verbesserung der allgemeinen Arbeitsbedingungen gekümmert. Im Laufe der Zeit sind eine ganze Reihe neuer tariflicher Gestaltungsaufgaben hinzugekommen. Dazu zählen beispielsweise Ausbildungs- und Weiterbildungsfragen, die Vereinbarung von Familie und Beruf oder der flexible Übergang in den Ruhestand. Zudem hat sich die Rolle Gewerkschaften geändert, wir stehen heute auch in der Gesamtverantwortung für das Gemeinwesen. Deshalb kümmern wir uns auch um Themen wie die globale  Finanzkrise und darum, wie man solche Entwicklungen künftig verhindern kann.

Die Gewerkschaften waren in ihrer Geschichte sehr eng mit der Sozialdemokratie verbunden. Hat sich das verändert, wenn Sie heute von politischer Gesamtverantwortung sprechen?

Wir haben starke gemeinsame Wurzeln, das ist richtig. Die SPD hat sich spätestens seit dem Godesberger Programm von 1959 zu einer Volkspartei entwickelt, die ein sehr breites Wählerspektrum abdeckt. Die IG BCE ist eine Einheitsgewerkschaft, wir sind parteipolitisch unabhängig. Wir wirken in die Politik hinein, werben in allen demokratischen Parteien für unsere Positionen. Dass es mit der SPD nach wie vor die größte Schnittmenge gibt, will ich gar nicht verhehlen.

Worin unterscheidet sich die IG BCE von anderen Gewerkschaften wie ver.di?

Zunächst einmal sind wir eine Industriegewerkschaft. Wir waren immer überzeugt, dass die Industrie der Kern auch der künftigen wirtschaftlichen Wertschöpfung bleiben muss. Bezeichnenderweise steht jetzt in der Krise die Realwirtschaft wieder stärker im Fokus, die Bedeutung der Industrie für den gesellschaftlichen Wohlstand wird neu entdeckt. Grundsätzlich verfolgen wir einen ausgeprägt sozialpartnerschaftlichen Kurs. Das kann allerdings nur auf Augenhöhe funktionieren - das geht nur, wenn auch auf der anderen Seite der Wille zur Zusammenarbeit und zum Konsens dominierend vorhanden sind.

Bildung haben Sie als ein wichtiges Gebiet der heutigen gewerkschaftlichen Arbeit genannt. Worin liegt die besondere Bedeutung?

Zunächst einmal müssen die Menschen über jene Qualifikationen verfügen, die sie dazu befähigen, die beruflichen Anforderungen zu erfüllen. Diese Anforderungen ändern sich ständig, eben deshalb ist (Weiter-) Bildung ja eine ständige Aufgabe. Zudem und im weiteren Sinne hat Bildung hat auch etwas mit Emanzipation und Selbstverwirklichung zu tun. Je besser die Bildung, desto größer die Chancen, qualifizierte Tätigkeiten ausüben zu können. Darüber hinaus ist Bildung eine wichtige gesellschaftspolitische Aufgabe. Damit Deutschland wettbewerbsfähig bleibt und der Wohlstand erhalten werden kann, brauchen wir hochtechnologische, qualifizierte und forschungsbasierte Arbeitsplätze, die natürlich mit entsprechend qualifizierten Menschen besetzt werden müssen. Deshalb muss Bildung noch einen viel höheren Stellenwert bekommen als sie ihn bisher inne hat.

Wo stimmt es nicht bei der Bildung in Deutschland?

Wir haben vor gut drei Jahren die Initiative „Offensive: Bildung“ auf den Weg gebracht. Wir haben dafür bewusst einen umfassenden Ansatz gewählt – von der Krippe über die schulische und berufliche Ausbildung bis hin zur Universität und Weiterbildung. Bildungspolitik darf kein Stückwerk sein, sie muss in ein Gesamtkonzept eingebettet sein. Wir brauchen flexible und durchlässige Strukturen. Um ein Beispiel zu nennen: Es gibt nicht genügend Krippenplätze, das behindert die Erwerbstätigkeit - in der Regel die von Frauen. Das ist ein inakzeptabler gesellschaftlicher Zustand. Erstens haben Frauen Anspruch darauf, nicht nur in eine Familienrolle gedrängt zu werden. Zum Zweiten werden die Frauen in den Betrieben gebraucht. Ein Blick auf die demografische Entwicklung zeigt das klar und deutlich.

In Deutschland hat laut einer kürzlich veröffentlichten Studie der Akademikeranteil dramatisch abgenommen und bewegt sich nun im europäischen Vergleich im unteren Drittel. Sehen Sie das auch mit Sorge?

Ja, sicher. In Deutschland wird zu wenig Wert darauf gelegt, die jungen Menschen wirklich zu unterstützen und sie zu motivieren, eine Hochschulausbildung anzustreben und zu absolvieren. Bei uns ist es leider immer noch so - und viel stärker ausgeprägt als in den meisten anderen hoch entwickelten Ländern -, dass der Geldbeutel der Eltern über die Bildungschancen der Kinder entscheidet. Das ist ein unhaltbarer Zustand. Hier geht es um Bildungsgerechtigkeit und um die Erschließung brachliegender Potenziale. Bei den Hochschulabsolventen ist der ohnehin schon geringe Anteil von Kindern aus Nichtakademikerfamilien noch weiter gesunken. Hier muss dringend etwas getan werden.

Sie tun noch etwas in einer andere Richtung. Mit Ihrem Sozialpartner, dem Arbeitgeberverband der Chemie, haben Sie den so genannten Wittenberg-Prozess ins Leben gerufen. Worum geht es dabei?

Unternehmen können erfolgreich nicht nur betriebswirtschaftlich geführt werden, sie haben auch volkswirtschaftliche Gesichtspunkte berücksichtigen und eine gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen. Ohne einen ethischen Grundkonsens und ohne Regeln – geschriebene wie ungeschriebene – geht es nicht. Wir beobachten seit Beginn der 90er Jahre eine Entwicklung, die genau in eine andere Richtung läuft. In den Chefetagen konzentriert man sich zunehmend allein auf die Interessen der Shareholder, verliert das Ganze aus dem Blick. Ein solches Verhalten birgt große Gefahren für den Zusammenhalt in der Gesellschaft, zugleich steht die Akzeptanz der sozialen Marktwirtschaft auf dem Spiel. Das waren wichtige Motive, weshalb wir zusammen mit dem Bundesarbeitgeberverband Chemie 2006 in Wittenberg einen Prozess initiiert haben, der hier gegensteuert. Wir sind sehr froh, dass der Bundespräsident uns unterstützt, er hat in Wittenberg eine sehr bemerkenswerte Rede zu den ethischen Grundlagen der sozialen Marktwirtschaft gehalten. Wie notwendig die Debatte ist, zeigt die globale Finanz- und Wirtschaftskrise. Ausgelöst wurde die Krise auch durch Fehlverhalten von Managern, durch eine geradezu schrankenlose Gier.

Wie wird es damit weitergehen?

Der Wittenberg-Prozess ist keine Angelegenheit nur von den Vorständen des Arbeitgeberverbands und der IG BCE. Vielmehr kommt es darauf an, dass die in Wittenberg gemeinsam erstellten Papiere in den Unternehmen Wirkung entfalten. Hier sind Betriebsräte und Unternehmensleitungen gefordert. Wir sind hier schon gut vorangekommen, das reicht allerdings noch nicht aus. Der eingeschlagene Weg muss konsequent weiterbeschritten werden.

Worin sehen Sie Ihre Rolle als Kurator der Kunststoffindustrie?

Die Kunststoffindustrie als Teil der chemischen Industrie hat ja leider noch immer Imageprobleme, auch wenn sich manches zum Besseren gewendet hat. Aber es gibt Luft nach oben, vielen Menschen ist die Bedeutung der Kunststoffe nicht bewusst, oft herrscht ein erhebliches Informationsdefizit. Das gilt übrigens auch für die Politik. Entscheidungsprozesse laufen keineswegs immer rational, das zeigt sich etwa bei Genehmigungsverfahren. Auch in Fragen, die Forschung und Entwicklung berühren, ist mehr Unterstützung erforderlich. Unbegründeten Vorbehalten entgegenzuwirken und Zukunftsperspektiven zu öffnen -, daran wirke ich gern mit.

(September 2009)