Im Interview
"Jeden Tag etwas zum Staunen"
Prof. Dr. Manfred Eigen, Jahrgang 1927, ist der frühere Leiter des Max-Planck-Instituts für biophysikalische Chemie, Göttingen. Er studierte in Göttingen Physik und Chemie. Mit bahnbrechenden Grundlagenforschungen auf dem Gebiet der Evolutionstheorie wurde er einem breiten internationalen Publikum bekannt. 1967 erhielt er den Nobelpreis für Chemie für die Entwicklung der Relaxationsmethode, mit der extrem schnelle chemische Reaktionen gemessen werden können. Sein Forschungsschwerpunkt ist seither die Charakterisierung der Prinzipien des Lebens und seiner Entstehung.
Herr Professor Eigen, Sie schreiben derzeit an einem Buch. Was dürfen wir erwarten?
Mein Lebenswerk auf rund 800 Seiten. Es trägt den Titel "From Strange Simplicity to Complex Familiarity" mit dem Untertitel "A Treatise on Matter, Information, Life and Thought". Ich bin fast fertig und schätze, dass es in etwa einem halben Jahr erscheinen wird.
Sie stammen aus einer Musikerfamilie. Wollten Sie selbst nie Musiker werden?
Das hatte ich zunächst vor. Doch dann kam der Krieg und ich wurde als Luftwaffenhelfer eingezogen. Damit war es mit der Musik für die Laufbahn eines professionellen Pianisten vorbei. Nach dem Krieg geriet ich auf dem Salzburger Flughafen in Gefangenschaft, konnte aber gemeinsam mit einem Freund fliehen und kam zu Fuß nach Göttingen. In Göttingen hatte gerade die Universität eröffnet, an der ich mit 18 Jahren direkt anfangen konnte, obwohl ich nur Notabitur hatte. In einer Prüfung konnte ich zeigen, dass ich den geforderten Stoff in Mathematik und Physik beherrschte. Mit 23 hatte ich bereits meine Promotion abgeschlossen.
Damals arbeiteten Sie bereits an der Messung schneller chemischer Reaktionen, wofür Sie 1967 den Nobelpreis bekamen.
Viele schnelle Reaktionen galten damals als unmessbar. Bereits in meiner Doktorarbeit habe ich darüber nachgedacht, warum die unmessbar schnell sein sollten. Meine Motivation war zu sagen, sie müssen messbar sein, und 1954 habe ich in England darüber vorgetragen und Messdaten präsentiert. Meine Vorredner hatten verschiedene Methoden vorgestellt, deren schnellste Messung es immerhin in den Bereich von 10-6 Sekunden schaffte. „Extremely fast“ nannte der Redner das, und dann kam ich dran und fragte, ob jemand mir den Komparativ von „extremely fast“ nennen könnte. „Call them damned fast“, sagten die Kollegen, denn meine Messungen gingen schon bis 10-9 Sekunden.
Was war Ihr Trick?
Um Reaktionen messen zu können, muss man zwei Reaktionspartner zusammenbringen. Mit keiner Mischmethode erreichte man eine Geschwindigkeit unter einer Tausendstel Sekunde. Aufgrund von Berechnungen war klar, dass es sehr viel schneller ablaufende Reaktionen geben muss und zwar in einem Zeitbereich, in dem biologische Reaktionen ablaufen. Wenn sich das Zusammenmischen der Reaktanten nicht schneller machen lässt, muss man eben einen anderen Weg wählen: Man muss das im Gleichgewicht befindliche System plötzlich stören und die Geschwindigkeit zurück zum Ausgangszustand messen. So haben wir das Relaxationsverfahren erfunden.
Wie kam es dann zu Ihrem Interesse, den Ursprung des Lebens zu erforschen?
Im Anschluss an den Vortrag in England kamen ständig Forscher aus dem In- und Ausland nach Göttingen, um unsere Relaxationsmethode kennen zu lernen. Zuerst kamen die Anorganiker, dann die Organiker und schließlich die Biochemiker. Wir untersuchten viele unterschiedliche Enzymreaktionen. Schließlich drängte sich die Frage auf: „Wie kommt es, dass ein Enzym so wunderbar optimal funktioniert? Alles ist perfekt eingeregelt.“ Da sagten Biologen: „Das ist Darwin“, doch ich widersprach: „Darwin hat sein Prinzip für Lebewesen entwickelt, doch von Molekülen wusste Darwin so wenig, wie Moleküle von Darwin wussten“. Und so geschah es, dass ich darüber tief nachdachte und schließlich die Theorie der Evolution biologischer Makromoleküle entwickelte, die 1971 veröffentlicht wurde. Heute haben wir eine exakte mathematische Formulierung des Darwin’schen Prinzips.
Ein mathematischer Beleg für Darwin?
Ja, natürlich. Wobei man sagen muss, dass Darwin auf die Frage, ob sein Prinzip der Selektion nicht auch für den Ursprung des Lebens gilt, in einem Brief kurz vor seinem Tod antwortete: nein, es gelte nur für die Evolution. Da Darwin nicht mathematisch vorging, konnte er, obwohl er von der Existenz eines allgemeinen Naturgesetzes überzeugt war, dieses nicht formulieren. Das haben wir dann getan.
Können Sie versuchen, den Ursprung des Lebens zu erläutern, ohne allzu mathematisch zu werden?
Die Grundlage der Evolution ist die Replikation, also Reproduktion. Diese ist auch die Grundlage für die Selektion, woraus schließlich die Evolution folgt. Aber man benötigt einen selbstreproduzierenden Anfang. Das Leben hat einmal chemisch in der molekularen Welt begonnen. Die einzige Molekülklasse, die dazu in der Lage ist, sind die Nukleinsäuren. Dazu kamen Proteine und schließlich entstanden genetische Codes. Das ist heute alles bis ins mathematische Detail geklärt wie auch experimentell bewiesen.
Daraus haben Sie auch wirtschaftlich verwertbare Erkenntnisse abgeleitet.
Sicherlich. So wie die Natur alles über Evolution macht, so ist eben auch die beste Biotechnologie eine evolutive. Nach diesem Prinzip gründeten wir schon in den 90er Jahren die Firma Evotec, in der etwa 600 Mitarbeiter arbeiten. Später gründeten wir noch Direvo mit etwa 60 Mitarbeitern, die industrielle Enzyme evolutiv gezielt herstellen. Diese Firma wurde gerade für 200 Millionen Euro an Bayer verkauft.
Kommen wir zurück zu Ihrem wissenschaftlichen Wirken. Welche Erkenntnis hat Sie am meisten zum Staunen gebracht?
Eigentlich gibt es jeden Tag etwas zum Staunen. Insgesamt ist wohl das Erstaunlichste, dass wir das Leben, diesen Prozess, heute gut verstehen können. Darin ist mehr Physik, als die Biologen einst glaubten. Die Physiker haben sich immer dafür interessiert, was Leben ist, wenngleich manche von Ihnen so selbstsicher sagten, man brauche lediglich in den Gleichungen nachzusehen und habe schon „alles“ vor sich liegen. Das ist eben falsch. In meinem Buch wird es ein Kapitel mit der Überschrift „Pure thought equals poor thought“ geben, ein Wortspiel, für das ich im Deutschen eine noch elegantere Ausdrucksform gefunden habe: „Schlechthin Gedachtes gleich schlecht Hingedachtes“.
Sie waren viel im Ausland tätig, sind heute noch ein Drittel des Jahres in den USA.
Ich war im Ausland immer bekannter als in Deutschland. Als ich den Nobelpreis bekam, hatte ich bereits in England und Amerika jeweils drei Ehrendoktortitel bekommen. Ich war der erste deutsche Wissenschaftler, der an der Hebrew University so geehrt wurde. Heute habe ich insgesamt 15 Ehrendoktortitel, aber nur zwei davon in Deutschland, einen in Bielefeld und einen an der TU München.
Wie schätzen Sie die Leistungsfähigkeit der deutschen Universitäten im internationalen Vergleich ein?
Sehr gut. Deutsche Mitarbeiter sind im Ausland nach wie vor sehr gefragt. Ich verbringe viel Zeit am Scripps Research Institute in La Jolla, Kalifornien. Der Präsident Richard Lerner (unter anderem der Erfinder der so genannten Protein-Bibliotheken) sagte mir, dass er hervorragende Postdoktoranden aus Deutschland unter seinen Mitarbeitern habe. Bei mir habe er nur darauf gewartet, dass ich in Deutschland emeritiert würde. Er meinte, in Deutschland sei man sehr ungeschickt Wissenschafter auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit zu entlassen.
In Deutschland studieren immer weniger Menschen. Laut einer aktuellen Studie liegt unser Akademikeranteil im europäischen Vergleich nur noch im unteren Drittel. Können Sie das auch beobachten?
Absolut. Wir haben das auch hier in Göttingen sehr stark zu spüren bekommen. In den letzten zehn bis zwanzig Jahren hatten wir immer weniger Chemie- und Physikstudenten, so dass die Zahl der Doktoranden in diesen Fächern bedenklich abgenommen hat.
Was lief in den letzten Jahren schief in der universitären Bildungspolitik?
Als Präsident der „Studienstiftung des deutschen Volkes“ habe ich mich damals bei vielen Politikern sehr unbeliebt gemacht, weil ich für die Förderung von Eliten eintrat. Leider wurde nicht bemerkt, dass ich nicht von Standeseliten, sondern von Leistungseliten sprach. Inzwischen haben sie selbst die Elite entdeckt und das Projekt Elite-Universität aus der Taufe gehoben. Das war gerade nicht das, was ich im Sinn hatte. Man sollte die Fächer, in denen hervorragende Leistungen erbracht werden, angemessen fördern, aber nicht einfach eine große Organisation pauschal zur Elite erklären.
Sind Sie als Wissenschaftler auch ein religiöser Mensch?
Nein, das bin ich nicht. Ich bin jedoch seit langem Mitglied der Päpstlichen Akademie, und das als Protestant. Ich mag es nicht, wenn man einfach propagiert: wir brauchen keine Religion. Das ist eine Glaubensfrage, die jedes Individuum für sich entscheiden sollte. Die Kirche sollte die Ergründung der Naturgesetze der Wissenschaft überlassen, wie umgekehrt die Wissenschaft den Glauben des Individuum respektieren muss.
Was macht die Musik? Spielen Sie noch Klavier?
Nein, nicht mehr. Es gibt einige Schallplatten und CDs mit Mozartscher Kammermusik und Klavierkonzerten, die ich bespielt habe. Während meiner Zeit als Präsident der Studienstiftung kümmerte ich mich viel um Musik und gab auch Konzerte. Doch mein Vater, der Musiker war, sagte mir einmal: „Hast du den Eindruck, nicht mehr so spielen zu können, wie du möchtest, dann lass es ganz sein.“ Daran halte ich mich jetzt.
