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Im Interview


„Die Mittelschicht muss wieder durchlässiger werden.“

Ein Gespräch mit dem Zeithistoriker und Publizisten Prof. Dr. Paul Nolte zur Rolle der Bildung in der modernen Klassengesellschaft.

Herr Professor Nolte, Sie plädieren für mehr „Klassen-Bewusstsein“ und meinen damit dass Bewusstsein, dass wir nach wie vor in einer Klassengesellschaft leben. Inwiefern?

In erster Linie will ich damit darauf hinweisen, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der die sozialen Unterschiede wieder zugenommen haben. Dieser Befund ist empirisch unstrittig, es ist lediglich die Frage, welche Konsequenzen wir daraus ziehen. Die Entwicklung, die seit Anfang der 80er Jahre - zumindest in wichtigen Bereichen - zu mehr Homogenität und einer relativen Konzentration in der Mitte führte, hat sich wieder umgekehrt. Um es stark vereinfacht und mit politischer Bewertung zu sagen: Dass die Reichen reicher und die Armen ärmer geworden sind, ist eine unbestreitbare Tatsache, die auf alle westlichen Gesellschaften zutrifft. Dahinter stehen sehr komplizierte Veränderungen der Industrie- und Arbeitsgesellschaft, die es im Einzelnen noch aufzuschlüsseln gilt. Erkennbar aber ist, dass wir uns auch in unserem Auftreten wieder mehr voneinander unterscheiden. Die Zugehörigkeit zu bestimmten Schichten oder Klassen ist an äußeren Kennzeichen wieder deutlicher geworden. Mich interessieren in diesem Zusammenhang weniger die Superreichen, die im Fokus der Öffentlichkeit stehen, sondern vielmehr die beiden Formationen, die ich für die wichtigsten Spieler dabei halte: Einerseits die neue Unterschicht, die sich durch Ausgrenzung aus dem Arbeitsmarkt und im Gefolge diverser kultureller Veränderungen verfestigt hat, und andererseits die Mittelschicht, die weniger wächst als früher und nicht mehr so offen für Aufsteiger ist. Das heißt umgekehrt, dass sich die Mittelschicht erfolgreich konsolidiert und neue Wege gefunden hat, sich selbst zu reproduzieren. Ein erhöhtes Bildungsbewusstsein ist ein Kennzeichen dafür.

Wer gehört zur Mittelschicht?

Das hat viel mit Selbstzuordnung zu tun. Das Gefühl, in die Mittelschicht zu gehören, war immer genauso wichtig wie eine messbare Zuordnung aufgrund bestimmter ökonomischer Kriterien. Bildung spielt dabei eine ganz wichtige Rolle, gerade vor dem Hintergrund dieses neuen Bildungsbewusstseins und der Tatsache, dass soziale Positionen stärker über Bildung vermittelt werden. Tendenziell entwickelt sich unsere Mittelschicht als eine Akademiker-Mittelschicht. Bei einem zunehmenden Anteil der Studierenden an einer Jahrgangskohorte von derzeit 30 bis 35 Prozent fällt Mittelschicht und akademische Bildung immer mehr zusammen. Woran sich die Zukunft unsere Gesellschaft entscheiden wird, sind aber die Grenzfälle. Was ist mit den Hauptschul- und Realschulabgängern, die noch vor einer Generation einen sicheren Platz in der Gesellschaft bekamen? Heute weiß man, dass man mit einem Hauptschulabschluss kaum noch eine Chance auf sozialen Aufstieg hat. Mit anderen Worten: Um die Hochschulabsolventen muss man sich gar nicht so viele Sorgen machen, wie die öffentliche Diskussion häufig den Anschein erweckt. Entscheidend ist, ob die Haupt- und Realschulabsolventen die Chancen bekommen, den Anschluss an die Mittelschicht zu finden.

Warum, glauben Sie, ist die Mittelschicht undurchlässiger geworden?

Das hat mit bestimmten Strukturverschiebungen in der Gesellschaft zu tun. Seit spätestens der 80er Jahre expandierten die akademischen Berufe nicht weiter, nachdem sie während des Bildungsausbaus  der 60er, 70er Jahre, sehr stark zugenommen hatten Das bedeutet, dass die zu vergebenden Positionen begrenzt sind und von diesen möglichst viele innerhalb der Schicht, die diese Positionen besetzt, an deren Kinder weitergegeben werden. Also andersherum gesagt: Dass in den 60er, 70er Jahren mehr Arbeiterkinder  an die Universität gekommen sind, hatte mit viel Idealismus und mit politischem Programm zu tun, war aber in gewisser Weise auch einfach ein Struktureffekt einer Expansion, zu dem dieser Idealismus dann nur gut passte.

Wenn Bildung eine so wichtige Rolle beim Zugang zu Positionen spielt, wie beurteilen Sie dann die vielfach beklagte Bildungsmisere in Deutschland?

Es ist immer eine bestimmte Misere an bestimmten Stellen. Ich würde aber nicht von einem Bildungsnotstand in Deutschland insgesamt sprechen. Im Gegenteil sehe ich auch sehr große Stärken in unserem Bildungssystem, zum Beispiel das Gymnasium. Als Hochschullehrer, der mit Absolventen von Sekundarschulen, Gymnasien, High-Schools, Gesamtschulen usw. unterschiedlicher nationaler Traditionen zu tun hat, mache ich immer wieder die Erfahrung, dass sich die deutschen Gymnasiasten im Vergleich zu entsprechenden Absolventen anderer Länder mehr als gut behaupten. Und das trifft nicht nur auf bestimmte Exklusiv- oder Privatschulen, sondern auch auf das ganz normale deutsche Provinz-Gymnasium zu. Deswegen warne ich davor, das Gymnasium in den Bildungsdebatten leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Allerdings muss man die nach unten abgrenzenden Effekte mit dem Ziel einer größeren Durchlässigkeit viel stärker bearbeiten. – Schwieriger ist die Situation außerhalb des Gymnasiums, vor allem in den Hauptschulen. Hier ist die elementare Bildungsfähigkeit in Gefahr, besonders in großstädtischen Regionen, wo die Hälfte und mehr der Schüler einen Migrationshintergrund haben. Diese Bereiche, Bildungsfähigkeit in der Hauptschule und Durchlässigkeit beim Übergang zum Gymnasium, sind die beiden großen Baustellen, die wir anpacken müssen.

Wie können wir sie anpacken?

Sicherlich stellt sich an dieser Stelle die Schulstrukturfrage, doch auch ein Konzept wie die Gesamtschule löst die Probleme, die sich durch Migration, soziale Vernachlässigung oder mangelnde Bildungskulturen ergeben, nicht. Schon eher das Konzept der Ganztagsschule, die ein ganz wichtiger Schritt, aber auch kein Allheilmittel wäre. Dazu bedarf es eines ganz erheblichen Investitionsschubs: Die Mehrzahl der deutschen Schulen ist baulich weit davon entfernt, als Ganztagsschule funktionieren zu können. Ein zentraler Punkt ist, die Eltern stärker in die Bildungsverantwortung mit einzubeziehen. Bei der Entwicklung von Schulmodellen kommt es entscheidend darauf an, dass die Kooperation von Schule und Elternhaus besser funktioniert. In Extremfällen ist das Elternhaus so problematisch oder verfügt über so geringe deutsche Sprachkompetenzen, dass es zunächst schon hilfreich sein kann, die Kinder dem Elternhaus für einen möglichst langen Zeitraum des Tages zu entziehen. Doch das kann letztlich nur eine Krücke sein, das eigentliche Ziel muss darin bestehen, die Eltern einzubeziehen, zu interessieren und in diesem weiten Sinne bildungsfähig zu machen.

Der Mittelschicht weisen Sie die Hauptrolle zu, um etwa das Auseinanderdriften der Gesellschaft  aufzuhalten – Stichwort: Neue Bürgerlichkeit. Was verstehen Sie darunter?

Zunächst einmal finde ich, dass man die Mittelschicht nicht allzu sehr bemitleiden muss. Sie erodiert nicht, auch wenn man durchaus ernst nehmen muss, wenn zum Beispiel Akademiker heute beim Berufsstart individuell größere Schwierigkeiten als ihre Eltern haben. Doch wenn Sie Akademiker mit Hauptschulabsolventen vergleichen, haben sie vergleichsweise ganz ausgezeichnete Chancen. Auch wird die Mittelschicht nicht in dem Maße materiell ausgebeutet, wie häufig behauptet wird. Tatsächlich ist die Mittelschicht als Leistungsträger für das Steuer- und Abgabensystem stark belastet, aber in weiten Bereichen ist sie eben auch eine starke Mittelschicht. Und ich will die Mittelschicht sozusagen bei ihrem Selbstbewusstsein, bei ihren Ressourcen ansprechen. Es könnte nichts Schlimmeres geben als eine Mittelschicht, die nun auch noch in Selbstmitleid versinkt und darüber passiv wird. Sie sollte sich ihrer Stärken durchaus bewusst sein. Insofern bin ich dagegen, wenn man die Bildungsanstrengungen, den Ehrgeiz, das neue Kulturbewusstsein, das die Mittelschicht entwickelt hat, zu verdammen. Insgesamt kommt das ja der Gesellschaft zugute. Neue Bürgerlichkeit, das heißt dann vielleicht, sich stärker als früher für die Bildungskarriere der Kinder zu interessieren, sich mit anderen Eltern zusammenzutun und eine Initiative für die Gründung einer neuen Schule zu entwickeln, soziale Netzwerke zu stiften, sich mit anderen in einem Gemeinschaftsprojekt zusammen­zuschließen. Darin, und dass man sich nicht alles vom Staat vorsetzen lassen will, kommt bürgerliches Engagement zum Ausdruck.

Darf ich Sie abschließend fragen,  worüber Sie aktuell forschen?

Derzeit beschäftige ich mich mit der Geschichte der Demokratie, auch vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Debatten über Demokratiemüdigkeit im Innern. Doch auch als Frage nach dem Export von Demokratie in andere Regionen der Welt - ob es nun der Fall Irak, Afghanistan oder der Fall China ist - interessiert mich das Thema. Und dann die Frage, wo wir eigentlich in dieser langen Geschichte der Demokratie stehen: Kommt sie etwa zu  irgendeiner Art von Ende oder handelt es sich derzeit nur um ein typisches Phänomen von Zwischenermüdung der Demokratie, das es in der Geschichte schon häufiger gegeben hat? Das ist für uns Deutsche mitunter eine prekäre Frage: Ist die Demokratiemüdigkeit, die jetzt in Deutschland verhandelt wird, vielleicht weniger ein Zeichen dafür, dass es mit der Demokratie zu Ende geht oder mehr ein Zeichen dafür, dass sich die Deutschen noch immer nicht an die Demokratie gewöhnt haben? Denn typischerweise gibt es einen Teil dieser Debatten, die wir führen, in Ländern mit längerer demokratischer, parlamentarischer und öffentlicher Tradition wie in England oder den USA nicht.

(Berlin, Dezember 2009)