Im Interview
"Wir müssen den Menschen sehen"
Ein Gespräch mit Günter Schwank, dem Ehrenpräsidenten des Gesamtverbandes Kunststoffverarbeitende Industrie, über seine langjährigen Erfahrungen und Beobachtungen zur Entwicklung einer jungen Industrie.
Herr Schwank, Sie sind von Hause aus Jurist. Wie kam es, dass Sie zum Unternehmer in der kunststoffverarbeitenden Industrie geworden sind?
Ich habe mich zunächst nach dem Studium mit langlebigen Konsumgütern befasst, genauer gesagt mit Nähmaschinen und mit Fotoapparaten. Nachdem ich für die Ladenkette von Foto Porst eine vernünftige Ladenorganisation sowie ein Franchise-System auf die Beine gestellt hatte, kam ein kleines Intermezzo. Der umtriebige und sehr kreative Herr Porst hatte nach amerikanischem Vorbild „rtv“, eine Fernsehbeilage für Tageszeitungen, ins Leben gerufen, die aber noch nicht richtig aus den Startlöchern gekommen war. So kümmerte ich mich dann darum, das muss 1967 gewesen sein. Doch damals schon, faszinierte mich der Werkstoff Kunststoff. Irgendwann hat sich bei mir der Gedanke festgesetzt, dass diesem neuen Werkstoff eine ganz eigene und andere Dynamik innewohnt, als dies bei Geschäften mit Produkten wie etwa Nähmaschinen der Fall ist. Und wie es der Zufall so wollte, sprach mich zu dieser Zeit Fritz Ries, der Gründer des Bodenbelagherstellers Pegulan, an. Ries hatte in Bötzingen eine weitere Fabrik zur Kunststoffverarbeitung eingerichtet, die Badischen Plastic-Werke, deren Hauptgeschäftsführer ich wurde. Heute ist das Unternehmen nach mehreren Eigentümerwechseln unter dem Namen Peguform bekannt. Damals, wir reden von 1972/73, habe ich als einer der ersten Teilehersteller für die Automobilindustrie eine entscheidende Neuerung eingeführt: Nicht die Ingenieure der Autobauer kamen zu uns, sondern wir stellten Ingenieure ein, die in deren Entwicklungsabteilung arbeiten. Das ist heute gängige Praxis, doch damals kam das einer kleinen Sensation gleich.
Was hat Sie veranlasst, das Unternehmen wieder zu verlassen?
Es gab zwischen Fritz Ries und mir zunehmend Spannungen. Er hielt mich für einen verkappten Linken, weil ich mich weigerte, Leute, die in der Produktion nicht mehr verwendbar waren, zu entlassen. Ich hielt das für unsozial und unmenschlich. Mitarbeiter, die für die damals körperlich noch anstrengende Arbeit in der Produktion zu schwach wurden, sollten sich als Aushilfe im Lager noch ein Gnadenbrot verdienen können. Solange ich da war, ist das auch so gelaufen.
Wie kamen Sie dann zur UTZ-Gruppe?
Noch während meiner Zeit bei den Badischen Plastic-Werken kam ich mit der Familie Utz in Kontakt. Der Schweizer Georg Utz und ich waren sicher sehr gegensätzliche Charaktere, doch wir mochten uns. Er hielt regelmäßig bei uns an, wenn er auf der Durchreise war, und sprach von seinen Plänen. Er war wohl das größte Energiebündel, das ich je kennenlernte, doch mit 58 Jahren erlitt er einen Schlaganfall. Er hatte gerade angefangen, von mir strategisch unterstützt, seine erste Auslandsfabrik aufzubauen. Als Standort hatte er zunächst an das Elsass gedacht, sich aber dann doch für Norddeutschland entschieden. Da kam die Familie auf die Idee, mich zu fragen, ob ich mich um die deutsche Firma kümmern würde, was ich dann tat. So simpel war das.
Sie taten das dann über drei Jahrzehnte lang.
Ich war ja auch am Unternehmen beteiligt. Unabhängig davon hatte ich mich mit Utz in hohem Maße identifiziert. Und wir verstehen uns in der Familie auch in der nächsten Generation immer noch ganz hervorragend. Ich arbeite massiv mit einem der Utz-Söhne daran, dass auch die jetzt folgende Generation die Philosophie der Firmengruppe weiterträgt. Das ist mir ganz wichtig.
Wie hat sich während dieser Zeit das industrielle Leben aus Ihrer Sicht verändert?
Als Erstes würde ich sagen, hat dieser ungewöhnliche Werkstoff meine Erwartungen weit übertroffen. Heute ist Kunststoff aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Und wenn es um die Frage geht, wie die Probleme der Zukunft gelöst werden, dann ist der Kunststoff ganz offensichtlich ein Problemlöser. Und parallel dazu: die heutige Leistungsfähigkeit der Produktionsmaschinen. Wenn wir damals bei größeren Behältern Schusszahlen von etwa 30 in der Stunde hatten, liegen die heute in der Gegend von 100. Hier hat eine rasante Entwicklung stattgefunden.
Was bedeutete das für die Anforderungen an die Mitarbeiter?
Das kann man schon daran festmachen, dass Sie heute nicht mehr so einfach das Personal finden, wenn Sie einen Betrieb aufmachen wollen. Für uns war es damals in Norddeutschland, einer in Schwierigkeiten geratenen Textilregion, ein Leichtes, Textilarbeiter als Bewerber zu finden. Diese dann anzulernen, mit den Maschinen vertraut zu machen, war letztendlich kein großes Problem. Heute muss man dazu einen vergleichsweise hohen Aus- und Weiterbildungsaufwand betreiben.
Wenn Sie sich heutige Berufsanfänger anschauen, wie würden Sie die im Vergleich zu früher beschreiben?
Zunächst einmal müssen wir nehmen, was der Ausbildungs- oder Schulmarkt uns anbietet. Abgesehen davon, dass sie ein bisschen rechnen und einen deutschen Satz schreiben können sollten, haben wir nicht die Vorstellung, dass die Berufsanfänger schon mehr oder weniger fertig sein müssen. Wir müssen sie sowieso in unserem Sinne formen. Wir haben bestimmt nichts gegen ein gutes Zeugnis. Doch entscheidender ist, dass der junge Mann oder die junge Frau zur Philosophie des Hauses passt. Mit diesem Grundsatz haben wir es bis heute mit einer nur geringfügigen Fluktuation zu tun.
Sie stimmen also nicht in die vielstimmige Klage ein, dass heutige Schulabgänger immer schlechtere Voraussetzungen mitbringen?
An der Klage ist schon etwas dran, doch hängt das mit vielen Dingen zusammen. Ich habe fünf Kinder, die das deutsche Schulsystem durchlaufen haben, und acht Enkel, die es derzeit noch tun. Man muss sehen, dass die Kinder heute sehr viele Miterzieher haben. Und wenn darüber hinaus auch noch im Elternhaus die Fähigkeit oder der Wille fehlt, die Kinder ein bisschen anzuleiten, dann gibt es Schwächen, die die Schule dann auch nicht mehr auffangen kann. Es macht aus meiner Sicht keinen Sinn, ständig die Schule zu kritisieren. Es gibt durchaus den engagierten Lehrer und es gibt übrigens auch durchaus die engagierten und überzeugten jungen Leute, die Sie dann aus den Schulen oder den Universitäten bekommen.
Für wie wichtig halten Sie beim Thema Ausbildung das duale System?
Für sehr wichtig. Ich habe gerade wieder einen Enkel dafür gewonnen. Nicht nur die Fachhochschule, auch Universitäten bieten indessen duale Ausbildungslehrgänge an, weil es einfach vernünftig ist. Wer etwa einen kaufmännischen Beruf ergreifen will, sollte neben der Universität unbedingt eine kaufmännische Lehre in einer Firma absolvieren, um den Anforderungen der Praxis gewachsen zu sein. Ich bin ein absoluter Anhänger des dualen Systems und finde, wo immer ein duales Element an Berufsakademien, Fachhochschulen oder Hochschulen eingefügt werden kann, sollte dies geschehen.
Sie haben zahlreiche Ämter bekleidet und tun das heute immer noch. Darüber hinaus starten sie immer wieder neue Initiativen wie etwa das Kunststoffnetzwerk Wachstumsregion Ems-Achse, das Sie vor rund drei Jahren mit gründeten. Was ist Ihr Antrieb für so viel zusätzliche Aktivität?
Ich habe mich immer auf den Standpunkt gestellt, wenn ich mit meinen Möglichkeiten etwas einbringen kann und meine hauptberufliche Aufgabe nicht leidet, dann mache ich das. Ich habe das immer unter dem Vorbehalt gesehen, dass ich keines dieser Ämter hauptberuflich mache. Letztlich ist es immer eine Win-win-Situation. Ich lerne stets etwas dazu und gelegentlich bringe ich etwas ein. Ich habe mein Engagement immer an der Aufgabe, worum ich gebeten wurde, festgemacht und überlegt, kannst du dazu etwas beitragen, auch im Verhältnis zu den anderen, die beteiligt sind? Und wenn ich das bejahen konnte, habe ich es eben gemacht.
Sie sind Bundesverdienstkreuzträger unter anderem für das, was Sie an Außerordentlichem für die Verbesserung der Arbeitsverhältnisse, Rationalisierung, aber auch Humanisierung der Arbeitswelt geleistet haben. Ist die daraus erkennbare große Nähe zum Menschen womöglich Ihr Leitmotiv?
Einer meiner Standardsätze - ich lebe von solchen Sätzen – ist: Selbstverständlich brauchen Sie Kapital zum Wirtschaften, aber ohne Menschen können Sie alles vergessen. Ich nehme Niemandem übel, wenn er etwa nicht über die optimalen Qualifikationen verfügt, aber er muss wollen. Wer morgens mit der geballten Faust in der Tasche zur Firma kommt, der dreht besser um und geht heim. Wer will, der kann - noch so ein Standardsatz von mir. Wir müssen den Menschen sehen, auch in schwierigen Zeiten, denn es ist unglaublich, was dann Menschen an Positivem hervorbringen. Ich habe unglaublich viele Beispiele.
(Frankfurt am Main, Januar 2010)
