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Im Interview


„Wir bilden keine Studenten aus, damit sie später Taxi fahren“

Ein Gespräch mit Professor Dr. Rolf Mülhaupt, der am Institut für Makromolekulare Chemie der Universität Freiburg lehrt und als  Direktor sowohl dieses Institut als auch das benachbarte Freiburger Materialforschungszentrum leitet . Er gibt im folgenden Gespräch berufene Auskunft zur aktuellen Situation sowohl der Lehre als auch der Forschung in seiner Disziplin der Chemie.

Herr Professor Mülhaupt, können Sie Menschen, die nicht vom Fach sind, in einfachen Worten erläutern, was unter Makromolekularer Chemie zu verstehen ist?

Makromolekulare Chemie beschäftigt sich mit sehr großen Molekülen. Vereinfacht können wir sagen: Kleine Moleküle als Wirkstoffe haben unser Leben verlängert, Riesenmoleküle (Polymere, Makromoleküle) mit ihrem breiten Anwendungsspektrum haben uns Lebensqualität gebracht. Ihr Bauprinzip, wie es Staudinger seinerzeit erkannte, findet sich in der Natur gleichermaßen wie in den technischen Werkstoffen . Wie auf einer Perlenkette sind tausende von Molekülen aufgereiht. Durch die Auswahl und Verknüpfung der Bausteine sowie die Selbstorganisation er Polymerenwerden die Materialeigenschaften gesteuert. So macht es die Natur mit Proteinen und Kohlenhydraten, so macht es auch die Technik mit Kunststoffen. Ein wesentliches Kennzeichen der Makromolekularen Chemie ist der interdisziplinäre Ansatz: Hier arbeiten Chemiker mit Physikern und Ingenieuren, Biologen und Medizinern zusammen und entwickeln maßgeschneiderte Moleküle oder neue Mischungen verschiedenartiger Materialien mit immer wieder neuen Eigenschaften.

Was hat Sie gereizt, sich mit diesem Spezialgebiet zu befassen?

Die Vielseitigkeit von Kunststoffen in ihren Anwendungen im Markt, wie in der Wissenschaft macht einfach Spaß. Auch fand ich es immer sehr reizvoll, dass man beim Ausprobieren einer Idee unmittelbar sieht, wie sie sich umsetzen lässt und welche Eigenschaften entstehen. Und das nicht nur im Nanogramm-Maßstab wie etwa bei den Biochemikern, sondern auch mal in einem Maßstab von ein paar hundert Kilogramm. Das fasziniert mich, zumal ich ja eigentlich von der Technischen Chemie komme. Nach meinem Studium an der Uni Freiburg ging ich zur Promotion an die ETH, die Eidgenössische Technische Hochschule in Zürich, und befasste mich in deren technisch-chemischen Labor gründlich mit polymeren Materialien und Katalysatoren.. Bis heute ist es das Zusammenspiel von Grundlagenforschung und Anwendungstechnik, das mich begeistert.

Sie arbeiteten auch eine Zeit lang in der Industrie.

Ich wollte nach der Promotion dringend über den Tellerrand schauen, nicht nur über den der Wissenschaft, sondern auch über den des Kontinents, und ging deshalb für fast fünf Jahre in die USA zu DuPont. Anschließend arbeitete ich nochmals fast vier Jahre bei der Ciba Geigy in der Schweiz. Ich halte nach wie vor die „Fronterfahrung“, also das Wissen über die Anwendung für zentral. Es hatte für mich schon immer einen besonderen Reiz, Ideen aus der Anwendung in die Grundlagenforschung zu tragen und deren Ergebnisse wiederum für Anwendungen nutzbar zu machen.

Was hat Sie veranlasst, zur Wissenschaft zurückzukehren?

Das gute Angebot der Uni Freiburg im Jahre 1989, die von Staudinger hier begründete Tradition der Makromolekularen Chemie fortzuführen. Dabei war für mich entscheidend, dass ich zusätzlich zum Lehrstuhl die Möglichkeit bekam, ein Materialforschungszentrum aufzubauen, das nun seit 1990 anwendungsnahe Materialforschung insbesondere von Polymeren betreibt. Wir bekamen damit die technologische Komponente der Kunststoffverarbeitung zur Chemie dazu, was es bislang in Freiburg nicht gab. So können wir die Entwicklung im Reagenzglas auch unter technikrelevanten Gesichtspunkten im Kilogrammmaßstab erproben und an der Rezepturentwicklung arbeiten. Mit diesem Konzept haben wir großen Erfolg. Das zeigt sich in der Anerkennung durch den Wissenschaftsrat, der uns nach einer Evaluierung 2007 das Prädikat exzellent im nationalen und internationalen Vergleich verlieh. Das zeigt sich auch in den weit über hundert Absolventen, die nach ihrer Promotion an unserem Institut alle erfolgreich berufliche Tätigkeiten in der Chemischen Industrie und der Kunststoffindustrie aufnehmen konnten.

Worauf führen Sie das zurück?

Eine Ausbildung in Grundlagenforschung mit Praxis-Orientierung gewährleistet, dass die Hochschulabgänger für die Praxis tauglich und im Arbeitsmarkt konkurrenzfähig sind. Das ist mir ganz wichtig. Ich würde mich nicht wohlfühlen, wenn ich Menschen zehn Jahre lang an der Hochschule ausbilden würde, die sich dann etwa als Taxifahrer durchschlagen müssten, was in anderen Gebieten nicht selten der Fall ist. Dort können Sie immer wieder beobachten, dass eher das eigene Forschungsinteresse des Hochschullehrers und weniger die Zukunftschancen der Mitarbeiter im Fokus steht. Das ist nicht meine Denkweise.

Seit über 20 Jahren bilden Sie nun Studenten hier am  Institut aus. Wie beurteilen Sie die Umstellung der Diplomstudiengänge auf Bachelor und Master?

Im Grunde wollte man damit Gutes tun, erreichte jedoch das Gegenteil. Ein Ziel des Bologna-Prozesses war mehr Flexibilität der Studenten, also mehr Wechsel auch an ausländische Hochschulen. Erreicht hat man aber weniger Flexibilität und die totale Verschulung. Die Flut der schriftlichen Prüfungen verbunden mit dem emsigen Punkte-Sammeln sowie die engen und von Hochschule zu Hochschule stark variierenden und oft inkompatiblen Studienpläne lassen fast keinen Raum für „außerplanmäßige“ Aktivitäten und erschweren den Wechsel.  Und was noch schlimmer ist: Das Jagen nach Punkten geht auf Kosten der  Praktika, die in zurückgefahren werden müssen um Zeitpläne besser einhalten zu können. Gleichzeitig wird die Spezialisierung massiv vorangetrieben verbunden mit einer Inflation von trend-bewussten, aber nicht immer bedarfsorientierten Kreationen neuer Master-Studiengängen. Dies geht vielfach auf Kosten des übergreifenden Wissens, das später im Beruf nach wie vor gefordert wird.

Also insgesamt eine deutliche Verschlechterung gegenüber dem früheren Diplomstudiengang?

Was die Chemie betrifft, aus meiner Sicht eindeutig ja. Auch auf die Gefahr hin, als rückständig zu gelten: Wir verfolgen den Anspruch, die Studierenden zum selbständigen Denken auszubilden und sie anzuregen, über ihren Tellerrand zu schauen,  Zusammenhänge zu erkennen. Früher haben wir bereits bei der Vordiplomprüfung, der ersten wirklichen Prüfung, vor allem diese Fähigkeiten überprüft. Beim Bachelorstudiengang werden die Studierenden heute zum verschulten Lernen angehalten, nicht zum übergreifenden Denken. In jedem Semester werden Lehrinhalte der Vorlesungen und Praktika in zahlreichen Klausuren abgefragt. Wenn dann bis zu vier Klausuren in einer Woche geschrieben werden, kann man sich leicht vorstellen, dass auch der „Kurzzeitspeicher“ überfordert ist. Ganz abgesehen vom bürokratischen Aufwand, den diese „Klausuritis“ auch für die Hochschulen mit sich bringt. Hier muss deutlich abgespeckt werden, womit man Gott sei Dank auch schon begonnen hat. Aber es ist schon merkwürdig: Mit dem Diplomstudiengang hatten wir eine Ausbildung, die gerade im Ausland auf hohe Anerkennung stieß. In den USA fanden Chemiestudenten aus Deutschland, gleich von welcher Universität, immer Aufnahme, weil dort die solide deutsche Ausbildung das damit verbundene handwerkliche Können sehr geschätzt wurde. Heute muss auch im Inland hinterfragt werden, aus welcher Arbeitsgruppe die oder der Betreffende kommt, da die Zahl der gesammelten Punkte in der Regel wenig aussagekräftig sind. Wir sollten nicht versuchen, das amerikanische Bildungssystem zu kopieren und zu perfektionieren.

Das Rad lässt sich vermutlich nicht zurückdrehen. Was muss aus Ihrer Sicht noch geschehen, um die Qualität des Studiums wieder anzuheben?

Wir müssen bei der jetzt begonnenen Nachjustierung dafür Sorge tragen, dass der Praxisbezug sowie das praktische Handwerk, wieder mehr Raum in der Ausbildung findet und – das halte ich für besonders wichtig - Elemente übergreifenden Denkens wieder mehr Gewicht bekommen.

Inwieweit hat sich die Lage der Hochschullehrer und –angestellten verändert?

In den letzten Jahren hat die Anzahl der Studierenden stark zugenommen. Dies ist politisch so gewollt, weil man meinte, dass der Akademikeranteil in Deutschland im Vergleich zu den europäischen Nachbarstaaten und den USA zu gering sei. Allerdings sind die personellen und  finanziellen Ressourcen der Universitäten auf dem alten Stand geblieben. Das heißt, wir stemmen die wachsenden Studentenzahlen mit der nahezu gleichen Anzahl an Hochschulangestellten und mit denselben finanziellen Mitteln. Dies und der bereits erwähnte massiv erhöhte Bürokratieaufwand, den die Umstellung auf Bachelor und Master mit sich brachte, führt zu Qualitätsverlusten in der Lehre, gefährdet aber auch die Forschung. Denn Forschen wird für Hochschullehrer durch die steigenden Verwaltungsaufgaben mehr und mehr zur Freizeitbeschäftigung.

Dennoch hat es die Freiburger Universität geschafft, im Zuge der Exzellenz­initiative in allen drei Bereichen - Graduiertenschulen, Exzellenz­cluster, Zukunftskonzept – ausgezeichnet zu werden. Was hat Ihnen das gebracht?

Auf der einen Seite haben unsere Konzepte und schließlich die Mittel, die mit der Auszeichnung verbunden sind, unserer interdisziplinären Forschung einen enormen Schub gebracht. Hier sind wir ein großes Stück vorankommen. Auf der anderen Seite hat die Bewerbungsphase große  Ressourcen für eine lange Zeit gebunden, die der Forschung nicht zur Verfügung standen. Hier zeichnet sich generell eine Entwicklung ab, die mit der zunehmenden Notwendigkeit, Drittmittel einzuwerben, zusammen­hängt. Forscher werden mehr und mehr zum Schaulaufen angehalten, was letztlich der Wissenschaft nicht förderlich ist. Darüber hinaus nimmt auch hier, ähnlich wie in der Lehre, der bürokratische Aufwand immer mehr zu. Die Förderanträge vor allem auf EU-Ebene werden immer umfangreicher und anspruchsvoller. Die Bürokratie gewinnt im Vergleich zum wissenschaftlichen Inhalt immer mehr an Gewicht!

Wenn Sie denn zum Forschen kommen: Haben Sie Schwerpunkte?

Durch die Kopplung von Chemie und Technologie bin ich grundsätzlich sehr flexibel und kann Elemente der gesamten Wissenskette immer wieder neu zusammenbringen und neue Gebiete erschließen. Parallel dazu beschäftigen mich aber meine „Hobbies“  aus meiner Industriezeit in der Katalyse und Grundlagenforschung auch heute noch. Das Thema Katalyse gewinnt im Kontext von Energie- und Ressourceneffizienz wieder an Aktualität. Aber auch die beiden Werkstoffe Polyethylen und Polypropylen sind längst nicht „ausgeforscht“, wie viele meinen, sondern bergen aus meiner Sicht noch enorme Leistungsreserven. Vor allem die Nanotechnologie bringt völlig neue Ansätze, deren Elemente mit denen aus der Kunststofftechnik und der Polymerchemie zu verbinden. So entstehen zum Beispiel nanostrukturierte Materialien, die mit der Umwelt interagieren können.  Künftig wird es immer mehr solch „intelligenter“ Kunststoffe geben, deren Eigenschaften sich bedarfsgerecht einstellen lassen, und die sich Änderungen ihrer Umgebung flexibel anpassen können.

Haben Sie ein anschauliches Beispiel, welchen Nutzen intelligente Kunststoffe bringen können?

Zum Beispiel beim Skifahren. Künftig werden Sie auf intelligenten Kunststoff-Skiern fahren können, deren Gleitwirkung sich Ihrem fahrerischen Können unmittelbar anpasst. Dabei besorgt sich der Kunststoff die für diese Funktion notwendige Energie aus kleinen „Kraftwerken“, die im Material eingebettet sind. In solchen selbstregulierenden Funktionen mit autarker Energieversorgung, die keine zusätzlichen Ressourcen verbrauchen und keine Verkabelung erfordern, steckt ein großes Potenzial für zahlreiche andere Anwendungen intelligenter Kunststoffe.

(Freiburg, April 2010)<small></small>